Du kennst sicherlich das englische Wort "education", das - ursprünglich vom lateinischen Wort "educare" kommend - übersetzt "Erziehung" heißt, "Co" ist eine Vorsilbe, die "gemeinsam" bedeutet. Koedukation heißt also nichts anderes als "gemeinsame Erziehung". Gemeint ist damit die gemeinsame Erziehung von Mädchen und Buben. Früher wurde dieser Begriff in erster Linie im Schulwesen angewendet, heute ist er auch in der Kinder- und Jugendarbeit üblich.
Als Koedukation zu einem wichtigen Teil der Jungschararbeit wurde, versprach man sich besondere Vorteile, die auch heute noch Gültigkeit haben. Einige Chancen der Koedukation sollen nun näher beleuchtet werden:
Dadurch, daß Mädchen und Buben in ihren Gruppen regelmäßig Zeit gemeinsam verbringen, finden sie einen recht unkomplizierten Weg zueinander. Durch die Selbstverständlichkeit des Zusammenseins können Barrieren des Miteinanders verringert werden.
Nicht nur äußere Schranken werden durch Koedukation abgebaut. In der koedukativen Arbeit wird auch ein Abbau von Vorurteilen, die auf Unwissenheit übereinander fußen, erleichtert. So kann es etwa in einer koedukativen Gruppe völlig natürlich sein, daß sich Buben für Mädchen und Mädchen für Buben interessieren, noch mehr, die Kinder werden ja in der Gruppe angeregt, unabhängig von ihrem Geschlecht Interesse füreinander zu haben.
In der koedukativen Arbeit leben Buben und Mädchen nicht einfach nebeneinander her. Durch gemeinsame Aktivitäten erleben Kinder, daß der Alltag gemeinsam gestaltbar ist. In der Jungschargruppe können sie überdies die Erfahrung machen, wie das Miteinander gestaltet werden kann, damit sich alle Beteiligten - Mädchen und Buben - wohlfühlen können.
Du hast sicher auch schon die Erfahrung gemacht, daß Menschen einander näher kommen, wenn sie gemeinsame Interessen entdecken und sich miteinander für gemeinsame Anliegen engagieren. In der koedukativen Jungschargruppe können Buben und Mädchen das erleben und dabei entdecken, daß die Unterschiede der Welt der Buben und der Welt der Mädchen gar nicht so groß sein müssen.
In den letzten Jahren ist in gewissen Abständen die Diskussion um die Koedukation wieder aufgeflammt wobei immer wieder darauf aufmerksam gemacht wurde, dass koedukatives Arbeiten nicht nur positive Auswirkungen, sondern durchwegs auch negative Aspekte nach sich zieht. Ohne Arbeit zu schmälern, muß dennoch festgestellt werden, dass die derzeit gängige Praxis auch einige sehr kritische Momente aufweist. Etliche Studien und Beobachtungen brachten Ergebnisse ans Tageslicht, die uns vorerst einmal stutzig machen sollten.
Verschiedene Untersuchungen kommen übereinstimmend zu dem Ergebnis, dass in der koedukativen Arbeit in der Schule Mädchen gegenüber Buben benachteiligt werden. Es ist anzunehmen, dass es hier große Gemeinsamkeiten bzw. Übereinstimmungen mit dem außerschulischen Bereich gibt. Buben wird verhältnismäßig mehr Zuwendung und Aufmerksamkeit gegeben als Mädchen. An Leistungen von Buben können sich Lehrerinnen und Lehrer häufiger erinnern als an Leistungen von Mädchen. Mädchen erleben ständig, dass sie in einer nachrangigen Position sind. Ein zahlenmäßiges Beispiel kann dieses Ungleichgewicht vielleicht nochmals verdeutlichen: selbst wenn Lehrer/innen ihre Aufmerksamkeit nur zu 35% den Mädchen einer Klasse widmeten, hatten sie subjektiv das Gefühl, die Mädchen sogar zu bevorzugen. In dieser Hinsicht brachte koedukative Praxis keineswegs gleich(berechtigt)e Erfahrungen. Im Gegenteil, Mädchen erleben, dass - unabhängig vom eigenen Bemühen - Buben anders behandelt werden als sie selbst, und zwar in einer Weise, die konventionelle Auffassungen von Unterschieden zwischen Mädchen und Buben geradezu unterstützt.
Buben verhalten sich in vielen Fällen sowohl in Klassen als auch in Gruppen im außerschulischen Bereich dominanter als Mädchen. Zahlreiche Untersuchungen legen dar, daß Buben zu einem guten Teil Unterricht, Schul- und Gruppenleben zu ungunsten der Mädchen bestimmen.
Die unterschiedliche Behandlung von Buben und Mädchen äußert sich in der derzeitigen koedukativen Praxis vor allem darin, dass Rollenfixierungen nicht aufgebrochen, sondern sogar verstärkt werden. Gerade durch das Beisammensein von Mädchen und Buben können in Gruppen traditionell weibliche Aufgaben an die Mädchen und traditionell männliche Aufgaben an die Buben delegiert werden. Während z.B. in einer geschlechtshomogenen Bubengruppe die Buben für eine Jause das Essen selbst herrichten und das Geschirr nachher auch wieder wegräumen müssen, wird in einer koedukativen Gruppe vielfach den Mädchen diese Aufgabe zugeschanzt. Oder es zeigt sich, dass in einer koedukativen Gruppe technische Aufgaben (etwa einen nicht funktionierenden CD- Player wieder in Gang zu setzen) fast automatisch von Buben wahrgenommen wird; sei es, dass sie den Mädchen gar keine Chance geben, das auch einmal zu tun, sei es, dass die Mädchen diese Aufgabe, ohne weiter zu überlegen, sofort an die männlichen Gruppenmitglieder delegieren. Eine koedukative Gruppe kann also gerade dadurch, dass hier Mädchen und Buben zusammen sind, die Fixierung von althergebrachten geschlechtsspezifischen Rollenzuschreibungen fördern, anstatt gegen diese zu wirken.
Leider ist festzustellen, dass in der koedukativen Arbeit oft darauf vergessen wird, dass es auch Unterschiede zwischen der Welt der Buben und der Welt der Mädchen gibt (ungeachtet dessen, woher die Unterschiede kommen) und somit geschlechtsspezifische Aspekte weitgehend vernachlässigt werden. Auf individuelle Bedürfnisse und individuelle (Vor-)Erfahrungen von Buben und Mädchen wird kaum eingegangen.
Schließlich bedeutet es für viele Gruppenleiter/innen eine große Verunsicherung, wenn sie mit dem unterschiedlichen Entwicklungsstand von Mädchen und Buben konfrontiert sind. Nicht selten kommt es vor, dass in der Gruppe 12-jähriger die Mädchen vor allem über ihren neuen "Schwarm" reden wollen, die Buben hingegen ausschließlich am Fußballspielen interessiert sind, und man sich fragt, was diese Kinder noch miteinander tun könnten. Unterschiedliche Entwicklungsgrade zwischen Buben und Mädchen dürften also mehr verunsichern als Entwicklungsunterschiede von Mädchen bzw. Buben untereinander - was ja schließlich auch oft genug vorkommt.
In vielen Beobachtungen zeigte sich, dass sich Gruppenleiter/innen bei Konflikten zwischen Mädchen und Buben hilfloser fühlen als bei Konflikten, die sich entweder ausschließlich unter Mädchen oder unter Buben abspielen. In der Bearbeitung dieser Konflikte wird tendenziell eher ein Ausweichen als die Suche nach einer gemeinsamen konstruktiven Lösung angestrebt.
Wie sollen wir nun angesichts dieser schwerwiegenden Kritik an der gängigen koedukativen Praxis reagieren? Sind die Nachteile gewichtiger als die erhofften Vorteile für die Kinder? Sollen wir fortan nur mehr getrennte Mädchen- und Bubengruppen einrichten? Nein, so soll diese kritische Bestandsaufnahme sicherlich nicht verstanden werden!
Die angeführten Kritikpunkte richten sich weniger gegen das Prinzip des gemeinsamen Handelns von Mädchen und Buben, als gegen die Art und Weise, wie damit umgegangen wird.
In der derzeitigen Diskussion werden auch Stimmen laut, die meinen, dass es Koedukation noch nie gegeben hat! Irgendwann wurden Buben und Mädchen einfach in die gleichen Klassen gesetzt, mehr ist jedoch (in den meisten Fällen) nicht geschehen. Mit der Frage, was das Zusammensein von Buben und Mädchen für die Kinder, deren Wahrnehmung und Erleben bedeutet, hat man sich - so wird deutlich - sicherlich viel zu wenig befaßt.
Hier sollten wir also ansetzen: Wenn wir bereit sind, uns in unserer Jungschararbeit mit den kritischen Momenten derzeitiger Koedukation auseinanderzusetzen, können wir gezielt nach Lösungen suchen, deren Ziel es sein muß, eine qualifizierte (also auch für alle Beteiligten positiv erlebbare) koedukative Arbeit anzubahnen.
Der Weg zu einer solchen positiven koedukativen Arbeit ist sicherlich sowohl für Kinder als auch für uns als Gruppenleiter/innen ein längerfristiger Lernprozess, der nicht über Nacht vor sich gehen kann.
Um diesen Prozes ermöglichen zu können, sind einige zentrale Überlegungen zu treffen. Die nun folgenden Punkte sollen dir dafür Anregung und Hilfestellung geben.
Das Aufbrechen von Rollenfixierungen fängt schon außerhalb der einzelnen Gruppenstunde an. Welches Bild von Männern und Frauen, Buben und Mädchen haben wir selbst - müsste eigentlich die erste Frage sein, die wir uns stellen.
Laufen wir mit unseren Vorstellungen Gefahr, Mädchen und Buben bestimmte Verhaltensweisen und Eigenschaften zuzuschreiben, ohne auf jedes einzelne Kind einzugehen?
Wie sieht das Rollenverhältnis zwischen uns Gruppenleiter/innen aus? Welches Bild von Mann und Frau vermitteln wir eigentlich den Kindern? Sind es bei uns immer die Frauen, die am Lager in der Küche stehen und die Männer, die die Zelte aufbauen, oder sind bei uns z.B. auch Frauen beim Fußballspielen anzutreffen oder Männer beim Vorlesen?
Natürlich bringen die Kinder bereits selbst verschiedene Vorstellungen und Vorerfahrungen zum Rollenverständnis mit in die Gruppe. Die Jungschar bietet da die Gelegenheit, Alternativen des Miteinanders anzubieten und v.a. auch vorzuleben. Neben dem Überdenken traditioneller Rollenbilder sollen die Bemühungen auch zur Erweiterung des Selbstbildes von Buben und Mädchen führen, sodass sie die Möglichkeit erlangen, sich auf die Eigenschaften und Fähigkeiten welche traditionellerweise eher dem anderen Geschlecht zugedacht werden, zu Eigen machen zu können.
Gerade auch aus dieser Überlegung resultiert die Wunschvorstellung nach einem männlichen und einer weiblichen Gruppenleiter/in für jede Jungschargruppe. Insbesondere den Buben fehlen durch den Mangel an Gruppenleitern gleichgeschlechtliche Identifikationsfiguren, sowie mögliche Vorbilder in Bezug auf die Erweiterung ihres männlichen Selbstbildes.
Die Erfahrung von gegenseitiger Wertschätzung zwischen Mädchen und Buben ist eine Grundvoraussetzung gelungener koedukativer Arbeit die dann ermöglicht wird, wenn innerhalb der Gruppe konsequent darauf bedacht genommen wird einander mit grundsätzlich anerkennender Haltung zu begegnen.
In der Gruppe ist es auch unsere Aufgabe, Mädchen und Buben die gleichberechtigte Teilnahme an allen Vorgängen, die sie betrefffen, zu ermöglichen.
Werden Mädchen oder Buben voneinander aus Bereichen des gemeinsamen Zusammenlebens ausgeschlossen? Tragen wir vielleicht selbst dazu bei - etwa durch fixe Aufteilungen in der Gruppe? Sensibilität ist also auch hier angesagt, um Bereiche zu erkennen, in denen Kinder einander Kompetenzen absprechen; unsere Bemühungen müssen dann dahin gehen, durch unser Eingreifen Gleichberechtigung zu ermöglichen.
Ein weitverbreitetes Missverständnis in der koedukativen Arbeit besteht in der Vorstellung, Mädchen und Buben müssten ab nun alles gemeinsam tun. Das Grundprinzip der Koedukation schließt jedoch keineswegs aus, dass sich Mädchen und Buben auch einmal alleine in getrennten Kleingruppen miteinander beschäftigen.
Die zeitweilige Teilung in Mädchen- und Buben- Kleingruppen bietet die Möglichkeit, einmal spezifische Aspekte des Mädchen- bzw. des Bub- Seins zu erforschen und zu erarbeiten und dabei individuelle, geschlechtsspezifische Vorerfahrungen und Erlebnisse im besonderen zu berücksichtigen. Wohl dosiert und durchddacht, kann eine zeitweilige Trennung das Zusammengehörigkeitsgefühl einer Gruppe von Mädchen und Buben gegen alle Befürchtungen sogar bestärken. Basis für eine positive koedukative Arbeit ist die kontinuierliche Reflexion unseres eigenen Mann- bzw. Frau- Seins und unseres eigenen Handelns, damit wir in unserem Tun nicht Gefahr laufen, unreflektiert selbst Ungerechtigkeiten zu verursachen und konventionelle Rollenfixierungen zu unterstützen, sondern Vorbilder für die Kinder sein und uns selbst als Frauen und Männer, als Mädchen und Buben in dieser Gesellschaft weiterentwickeln zu können.
Für den schulischen wie auch für den außerschulischen Bereich gilt also in gleicher Weise, dass es wohl kaum genügen kann Buben und Mädchen in eine Gruppe (in eine Klasse) zu stecken. Vielmehr muss ein reflektierter Prozess in der Gruppe und in uns selbst dahinterstehen, in dem auf geschlechtsspezifische Aspekte und Rollenerwartungen bewußt eingegangen wird, um diese bearbeiten und dadurch ein reflektiertes Bild von Mann und Frau- Sein entwickeln zu können.
Regina Petrik-Schweifer, Andrea JakoubiKatholische Jungschar Südtirol - Ortsgruppe Meran/Untermais